Neid - dein Freund?

Neid hat viele Gesichter und ist wandelbar. Den einen flüstert er leise zu: «Dein Umfeld ist viel erfolgreicher als du!« und den anderen gibt er einen Seitenhieb: «Du bist besser als dein Arbeitskollege. Zeig was du kannst!» Neid kennt deine tiefsten Sehnsüchte und Wünsche. Er weiss ganz genau, wo er ansetzen muss, um bei dir Anklang zu finden und sich fast unbemerkt auszubreiten. Ist Neid einmal da, verschwindet er nicht mehr so schnell.


Manchmal habe ich das Gefühl, dass Neid salonfähig geworden ist. «Man gönnt sich ja sonst nichts.», ist ein Satz, den ich schon oft zu Ohren bekam und auch selbst verwendete, um beispielsweise eine teure Anschaffung zu rechtfertigen. Ich frage mich, wieviel Unrecht und Verletzung in einem verborgen sein muss, um sich selbst rechtfertigen zu müssen.


Die Geschichte vom «Hausherrn des Weinbergs»

Der Hausherr geht am Morgen auf den Marktplatz und sucht nach Arbeitern für seinen Weinberg. Viele Männer warten und hoffen auf Arbeit. Der Hausherr nimmt einige Arbeiter mit und vereinbart mit ihnen einen Tageslohn. Wenige Stunden später geht er wieder auf den Marktplatz und holt weitere Arbeiter zu sich. Kurz vor Feierabend stellt er nochmals Arbeiter vom Marktplatz an, die den ganzen Tag herumgesessen sind und auf Arbeit warteten.


Der Zeitpunkt der Lohnzahlung ist da und der Hausherr gibt jedem Arbeiter seinen Lohn. Die Arbeiter, welche schon früh morgens schufteten, ärgern sich und sagen: «Weshalb bekommen die Arbeiter, die nur für eine Stunde arbeiteten, den gleichen Lohn wie wir?» Der Hausherr antwortet: «Ich habe euch den Lohn bezahlt, den wir vereinbarten. Ich möchte den Letzten so viel geben wie euch. Kann ich mit meinem Geld nicht machen, was ich will? Seid ihr neidisch, weil ich so gütig bin?» Quelle: Matthäus 20, 1 - 16


Wie würde es dir gehen, wenn du schon früh morgens zu schuften beginnst und andere, die nur während einer Stunde arbeiteten, den gleichen Lohn bekommen wie du? Würdest du dich gerecht behandelt fühlen? Könntest du dich von Herzen für die anderen freuen? Ich muss gestehen, dass ich mich in dieser Situation ungerecht behandelt fühlen würde. Ich könnte mich kaum für die anderen freuen.


Ebenso wird es einmal bei Gott sein: Dann werden die Letzten die Ersten sein, und die Ersten die Letzten.

Matthäus 20, 16


Jesus spricht davon, dass Gott wie der Hausherr ist. Gott ist anders als wir. Er vergleicht uns nicht mit anderen und ist nicht an unserer Leistung interessiert. Er ist einfach grosszügig, weil er uns liebt. Gott ist auch dann grosszügig, wenn wir es selber nicht sind.


Wo beginnt Neid?


Neid beginnt in unseren Herzen. Dort hat er sich schon während unserer ersten Lebensjahre eingenistet. Vielleicht bekamen deine Geschwister mehr als du oder die anderen Kinder in der Schule konnten tolle Geschichten aus dem Urlaub erzählen, während dem du zu Hause bleiben musstest und nichts Interessantes zu berichten hattest. Vielleicht hatten die anderen Kinder eine scheinbar perfekte Familie, während dem du zu Hause Streit oder sogar Misshandlungen erleben musstest.

Neid zeigt sich nicht sofort in seiner zerstörerischen Macht.

Neid war Ursprung einer der bekanntesten Geschichte im Neuen Testament: die Kreuzigung von Jesus Christus. Die Pharisäer sahen in Jesus jemanden, der für sie eine Bedrohung darstellte. Jesus polarisierte, heilte, wurde von vielen geliebt und spiegelte den Pharisäern ihr gesetzliches Verhalten wieder. Die Pharisäer wurden mit ihrer eigenen Unzulänglichkeit konfrontiert. Anstelle auf ihre eigenen Verletzungen zu schauen, projizierten sie ihre angestaute Wut auf Jesus.


Pilatus aber antwortete ihnen und sprach: Wollt ihr, dass euch euch den König der Juden freigebe? Denn er wusste, dass die obersten Priester ihn aus Neid ausgeliefert hatten.

Markus 15, 9 - 10


Der Neid der Pharisäer führte so weit, dass Jesus gefoltert und umgebracht wurde. Noch heute passieren solche Geschichten. In den Nachrichten lesen wir immer wieder von brutalen Familiendramen, in denen nahestehende Menschen misshandelt oder ermordet werden. Vielleicht bist du sogar selbst von einer solch schrecklichen Geschichte betroffen.

Neid zerstört und ist gefährlich!

Neid lullt uns ein und gibt uns das Gefühl, dass die anderen mehr haben oder mehr können als wir. Neid lähmt, macht blind, beraubt Lebensfreude und Dankbarkeit. Er appelliert an unsere Selbstgerechtigkeit: Unser «gesunder Menschenverstand» setzt ein. Aber dieser «gesunde Menschenverstand» ist eben nicht gesund, wenn unser Herz durch Altlasten und Bitterkeit vergiftet ist.


Was heisst das für dich und mich?


Das Streben nach mehr ist in unserer Leistungsgesellschaft normal geworden. Hast du dich schon einmal gefragt, worum es beim Leistungsdenken geht? Weshalb müssen wir immer «noch mehr» erreichen und andere mit unseren eigenen Erfolgen übertrumpfen? Kann es sein, dass das kleine Ich unseres selbst Mangel erlitt und endlich das bekommen möchte, das es als Kind so schrecklich vermisste?


Fühlst du dich angesprochen? Ich ermutige dich dazu, dich mit deiner eigenen Lebensgeschichte auseinander zu setzen. Wo hast du als Kind Mangel erlitten? Bist du mit dieser Ungerechtigkeit versöhnt?

Ich glaube, dass die Wurzel des Neides tief in unserer eigenen Geschichte vergraben liegt. Wenn wir den Menschen, welche uns (vielleicht schon als Kind) Unrecht taten, nicht vergeben, machen wir es dem Neid einfach, in uns Raum einzunehmen.


Es gibt einfache Testfragen, mit denen du überprüfen kannst, ob Neid in deinem Leben Thema ist: Kannst du dich von Herzen für den Erfolg deiner Mitmenschen freuen? Kannst du dich auch dann freuen, wenn du diese Menschen nicht magst und sie den Erfolg nicht verdient haben? (Was Erfolg ist, definierst du.)

Neid ist mein Freund. Er zeigt mir, dass etwas nicht stimmt.

Neid ist wahrscheinlich bei vielen von uns ein Thema. Ich selbst nehme mich da nicht raus. Lasst uns hinschauen und mit uns selbst, aber auch mit den anderen, grosszügig sein. Dort, wo Schmerz oder Scham ist, liegt vielleicht der Schlüssel zu Freiheit, Angenommensein und Wiederherstellung.


Alles Liebe

Arabelle

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